Wie entsteht eigentlich ein Vertrag?

wie entsteht ein vertragLetztens las ich einen Kommentar in Sozialen Medien, der sinngemäß so lautete:

„Ihr verkauft doch meistens nur Muster für teures Geld. Die Muster zieht Ihr einfach aus der Schublade!“

Doch stimmt das? Ich nutze heute die Gelegenheit, um an dieser Stelle einige Vorurteile auszuräumen.

Die Werkzeuge von Anwälten

Viele Menschen können sich meine eigentliche Kerntätigkeit nicht richtig vorstellen. Sie meinen, wir Juristen haben alles auswendig im Kopf gespeichert. Sie glauben, wir können jede Frage aus dem Stegreif beantworten. Oder sie meinen, wir ziehen Verträge fertig und einsatzbereit aus der Schublade. Dabei sind wir doch eigentlich „geistige Handwerker“.

Ich vergleiche meine Arbeit dann immer mit der eines Schreiners. Der Schreiner hat eine Reihe an Werkzeugen (Hobel, Kreissäge, Schablonen, Schleifgeräte usw.). Mit denen stellt er dann – in Handarbeit – ein Produkt her. Und zwar nach den individuellen Vorgaben des Kunden. Das kann zum Beispiel eine Eckbank sein.

(Ich hoffe, Sie stellen sich gerade lebhaft vor, wie die Hobelspäne durch die Werkstatt fliegen, in der es mächtig rattert und lärmt. Die Späne bilden nach und nach einen Haufen. Bis die Eckbank fertig ist und bis der Hobelhaufen entsteht, vergeht bestimmte Zeit.).

Übertragen wir dieses Bild auf uns Anwälte. Meine Werkzeuge sind nicht so schwer und machen auch nicht so viel Lärm. Ich habe stattdessen u. a. Folgende:

  • Gesetzbücher,
  • Kommentare,
  • Handbücher und
  • Vertragsmuster
Und wenn ich meinem Mandanten, der einen bestimmten Vertrag für seine individuelle Situation benötigt, diese „Werkzeuge“ in die Hand drücke: Meinen Sie, dass der dann damit alleine zu Recht kommt?

In der Regel nicht. Denn er weiß zwar meistens, was er willaber nicht, wie er das formuliert und noch viel weniger, ob das überhaupt zulässig wäre.

Wenn Anwälte zu Handwerkern werden

Wenn meine Mandanten individuelle Wünsche haben, beginnt meine eigentliche Arbeit (also das, was ich „gelernt“ habe). Denn die Juristerei ist im Prinzip auch Handwerk … nur eben geistiger Natur.

Was ich eigentlich mache: Ich bringe die konkrete Situation und die die Bedürfnisse meiner Mandanten mit den gesetzlichen Vorgaben in Einklang. Das klingt einfach, erfordert aber eine Methode, die man viele Jahre lernen und üben muss: die „Subsumtion“. Wenn ich subsumiere, ordne ich einen Sachverhalt (z. B. „Ich benötige einen Lizenzvertrag für …“) unter den Tatbestand von Rechtsnormen (Urheberrecht, allgemeines Zivilrecht etc.).

Stellen Sie sich einfach vor:

  1. Der Schreiner nimmt die Maße in Ihrer Küche – ich erfasse den Sachverhalt.
  2. Der Schreiner fertigt daraus dann eine Skizze oder Schablone an – ich habe dazu Kommentare, Handbücher, Gesetze und Muster.
  3. Dann schreinert er die Bauteile aus Holz – ich prüfe und überlege, wie ich das Anliegen am besten umsetze (bzw. ob es überhaupt rechtlich zulässig ist).

Worin liegt die Schwierigkeit?

Um nun herauszufinden, ob ein bestimmter Wunsch des Mandanten vertraglich regelbar ist, muss ich diesen Wunsch natürlich zunächst mal korrekt verstehen. Das erfordert gute Kommunikation. Denn nicht immer sagen Mandanten genau das, was sie wirklich wollen. So sagen Patienten dem Arzt auch nicht immer ganz genau, was genau weh tut (sondern: „Mir tut der Bauch weh!“).

Dann muss ich die Rechtsprechung, die Kommentarliteratur und – natürlich primär – die Gesetze prüfen. Das Ziel: Er mal erörtern, ob wir das Ziel des Mandanten umsetzen können.

Dazu blättern (oder klicken) wir uns durch Gesetze, Rechtsprechung und Literatur. Erst jetzt beginnt unser Hirn „richtig“ warm zu laufen (die Zahnräder drehen sich nun ganz schnell) und wir denken darüber nach, wie wir die Mandantenwünsche bestmöglich umsetzen. Dazu kramt unser Gehirn natürlich auch im Erfahrungsschatz („Warte … das hatte ich doch schon mal so ähnlich. Damals habe ich das wie folgt gelöst…. Jetzt könnte ich es folgendermaßen formulieren …“).

Fazit

Das kostet natürlich Zeit und benötigt Erfahrung, für die Sie als Mandant bezahlen. Diese Arbeit kann Ihnen bislang weder Legal Tech noch eine andere Berufsgruppe erledigen. Das liegt daran, dass nur wir Juristen dieses Handwerk der Subsumtion „gelernt“ haben. Und weder „KI“ (oder das, was wir als KI bezeichnen) noch Legal Tech können komplexe, individuelle Probleme lösen. Das Anliegen meiner Mandanten ist nun mal nicht vergleichbar mit dem Kauf eines Gebrauchtwagens (wofür es ja absolut zu Recht fertige Vertragsmuster gibt).

Ich hoffe, ich konnte Ihnen meine Tätigkeit etwas veranschaulichen (Bilder sagen ja mehr als 1000 Worte).

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Über den Autor Dr. Max Greger

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